Natürlich ist die Neuvergabe der Konzessionen ein tiefer Einschnitt – vor allem für diejenigen, die sich von ihren Strandbars verabschieden müssen, seien es Betreiber, Mitarbeiter oder Gäste. Dass eine solche Entscheidung Emotionen weckt – mehr als verständlich. Aber: Die Betreiber wussten seit 2019, dass eine Neuvergabe ansteht. Sie wussten ebenso, dass sie sich einem offenen Wettbewerb stellen müssen. Wer sich auf einen Wettbewerb einlässt, muss eben auch damit rechnen, ihn zu verlieren. Und: Aus einer Konzession lassen sich keine Eigentumsrechte ableiten. Auch nicht nach 100 Jahren.
Dass ausgerechnet der Albertstrand im 100. Jahr seines Bestehens seine Konzession verliert, ist natürlich auch für die politische Opposition in Knokke ein gefundenes Fressen.
Doch wie kann das sein? Die Erklärung liefern die Betreiber des Albertstrand zwischen den Zeilen selbst – in ihren sehr umfangreichen Stellungnahmen in den sozialen Medien: Sie seien Baigneurs und keine Unternehmer. Mit dem Erstellen eines Bewerbungsdossiers hätten sie keine Erfahrung. Und außerdem hätte man sich gewünscht, dass sie ihre Bewerbung in einem persönlichen Gespräch mit der Jury hätten erläutern können, bzw. dass die Jury doch nur einfach bei ihnen hätte vorbeikommen müssen, um sich von den Qualitäten ihrer Strandbar zu überzeugen. Den Mitbewerbern und der Jury wird ihre Kompetenz abgesprochen, indem man immer wieder betont, Papier sei geduldig.
Es tut mir leid, aber bei so viel Naivität wundert man sich nur noch bedingt, warum das 150-seitige Dossier von Emmy D’Hooghe und Sammy D’Hooghe die Jury nicht überzeugen konnte, zumal trotz des bemerkenswerten Umfangs nicht alle vorgegebenen Punkte bearbeitet bzw. Fragen beantwortet wurden. Vielleicht liegt die Erklärung dafür, dass Albertstrand seine Konzession verloren hat schlicht dort, wo sie bei Wettbewerben meistens liegt: bei der Qualität der Bewerbung. Dies gilt auch für die fünf anderen, deren Konzessionen nicht verlängert wurden.
Den Albertstrand und Marc Coucke als Beweis dafür vorzuführen, dass es bei der Beurteilung der Bewerbungsdossiers durch die Jury nicht mit rechten Dingen zuging, überzeugt allerdings nicht:
1. Wäre die Jury nicht objektiv, hätte sie sicher nicht ausgerechnet die Bewerbung von Albertstrand durchfallen lassen – und damit die größtmögliche mediale und emotionale Angriffsfläche geschaffen.
2. Marc Coucke war nachweislich nicht der Höchstbietende. Für die Höhe der Konzessionsgebühr konnten maximal 20 Punkte erzielt werden. Im Strandabschnitt "Het Zoute" gingen 20 Punkte an J.V.D. (Yalo Plage) mit 34,98 € pro Quadratmeter. ZouteCoucke kam mit 18,42 € pro Quadratmeter auf 10,53 Punkte.
Im Gesamtergebnis kam J.V.D. auf 75,75 von 100 Punkten, ZouteCoucke landete mit 64,13 Punkten auf dem dritten Platz.
Ich verstehe, dass es schwer fällt, die Entscheidung der Jury zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass eine 100jährige Familientradition nicht ausreicht, um einen solchen Wettbewerb zu gewinnen. Nur: Was wäre die Alternative gewesen? Mit dem Ausschreibungsverfahren hat die Gemeindeverwaltung versucht, alle relevanten Qualitäten zu berücksichtigen. Das hat es komplizierter und damit auch angreifbarer gemacht. Wesentlich einfacher wäre es gewesen, dem Beispiel von Blankenberge zu folgen, und die Lizenzen einfach an die Höchstbietenden zu versteigern. Aber hätte das zu größerer Akzeptanz und Zufriedenheit geführt? Und was hätte das für den Strand von Knokke bedeutet? Einmal mehr: In Knokke regiert das Geld.
Dass die Verlierer vor den Raad van State ziehen ist ihr gutes Recht. Vielleicht bekommen sie am Ende sogar Recht. Dann wäre das Verfahren entsprechend zu korrigieren. In der Zwischenzeit möchte man allen anderen – denjenigen, die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung (die mit dem Vergabeprozess nachweislich nichts zu tun hatten) und Marc Coucke Gewalt androhen, die vor lauter emotionaler Betroffenheit den Bezug zur Realität verloren haben* und den "Unter Lippens war alles besser"-Ewiggestrigen – den freundlichen Rat geben, sich doch bitte nicht als schlechte Verlierer zu präsentieren.
*Mein Lieblingsbeitrag auf Facebook: "Die neuen Betreiber sollen aus Anstand und Respekt ihre Konzessionen an die alten Betreiber zurückgeben." Bekam hunderte Likes.
PS. Da besonders in Bezug auf Zoutestrand 19 der Bürgermeisterin Vetternwirtschaft bei der Konzessionsvergabe unterstellt wird, kurz zur Erläuterung:
Die Betreiber des Zoutestrand 19 sind die Eigentümer des Put 19 (seit 2016) und des Hotels Le Beau 19 in Het Zoute, des The Nineteen an der Lippenslaan (seit 2021) und des neuen Restaurants Giulia am Casino – Wim Dereu und Karel Coudyser. Und ja, Karel ist der Bruder von Bürgermeisterin Cathy Coudyser. Da er sich jedoch gemeinsam mit seinem Geschäftspartner über die Jahre ein sehr erfolgreiches Gastronomie-Imperium aufgebaut hat, sollte eher die Vermutung naheliegen, dass ihr Konzept unabhängig vom verwandtschaftlichen Verhältnis mit der Bürgermeisterin überzeugt hat.